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Warum tut das weh? | Gastbeitrag von Physiotherapeut Sam

 

Du kennst das Gefühl. Du machst eine Übung, absolvierst einen Trainingsplan, du bist richtig motiviert und ausgerechnet dann bekommst du Schmerzen. Fast jeder war schon einmal in dieser Situation und weiß welche Emotionen damit verbunden sind. Frustration, Sorge, Wut, Angst und Unsicherheit. Warum tut das weh? Warum jetzt? Lass uns der Sache ein wenig auf den Grund gehen.

 

Wir werden uns anschauen wie Schmerz denn überhaupt definiert ist, das Schmerzen und Gewebeschaden nicht so stark im Zusammenhang stehen wie die meisten denken und welche Faktoren Schmerzen wirklich begünstigen.

 

Bevor du die Definition liest, überleg dir doch mal kurz selbst wie du Schmerz umschreiben würdest.

 

Überlegt? Dann lies die offizielle Definition:

 

Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, 

das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht

oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache.“ (Quelle: International Association for the study of pain)

 

Verletzt und trotzdem kein Schmerz

 

Wir spüren den Schmerz nicht mehr, lange bevor die Verletzung verheilt ist. Denk mal drüber nach. Du hast dir in den Finger geschnitten und es tut wirklich weh. Am nächsten Tag tut es immer noch ein bisschen weh und man kann die Wunde noch eindeutig sehen. Einen Tag drauf bemerkst du es nur noch ab und an. Eine Woche später spricht dich ein Freund oder eine Freundin darauf an, wie es deinem Schnitt geht. Du realisierst du hast die vergangenen Tage gar nicht mehr drauf geachtet und nichts gespürt obwohl die Wunde noch da ist. Dein Gehirn macht eine sehr umfangreiche Kalkulation ob es das Gewebe durch Schmerz schützen soll oder nicht.

 

 

Das Gehirn ist der Boss

 

No brain, no pain. Das heißt nicht, dass das was du spürst nicht real ist. 

Wir wissen mittlerweile, dass Schmerz nicht rein biomechanisch zu erklären ist. Es ist immer ein multifaktorielles Geschehen. Das kannst du dir konkret ungefähr so vorstellen:

 

Negativer Stress ist der sogenannte Disstress, also Stress bei dem man fahrig und oft dauerhaft müde ist. 

Schmerz Dramatisierung (engl.: pain catastrophizing) ist z.B. wenn man mehr über seinen Schmerz nachgedenkt als hilfreich und sich hilfloser wegen des Schmerzerlebnisses und die daran gekoppelten Emotionen fühlt. 

Angst-Vermeidungsverhalten kennen viele, wenn sie die Beschreibung gleich lesen. Wenn man davon überzeugt ist, dass Bewegung und Belastung dem Schmerzgebiet schadet bzw. dadurch der Schmerz verstärkt wird. Diese Assoziation veranlasst viele Menschen dazu, sämtliche Bewegungen (angstassoziiert) auf Dauer zu vermeiden.

 

In der Graphik sieht man mehrere Faktoren. Jeder einzelne von ihnen, verursacht nicht zwangsläufig Schmerzen. Oft kommen mehrere Faktoren zusammen, die in der Summe das Nervensystem dazu veranlassen, den Körper durch Schmerzen zu schützen. Das ist durch die Schmerzgrenze veranschaulicht, sozusagen der Moment ab den wir Schmerzen verspüren.

 

Das ist dir noch zu schwammig? Vielleicht wird’s jetzt klarer. 

 

 

„Gefahr-Rezeptor“

 

Wir haben sogenannte Nozizeptoren im Körper. Diese Fasern hat man früher als Schmerzfasern bezeichnet. Mittlerweile weiß man, dass man sie bestenfalls als Gefahrenfasern bezeichnen kann. Sie sind in der Lage mechanische, thermische und chemische Veränderungen im Gewebe wahrzunehmen. Diese Daten werden dann ans Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn entscheidet was es mit diesen Daten macht. Du kannst dir vorstellen, dass dein Gehirn noch viel mehr Daten zur Verfügung hat wie nur die Daten aus dem Gewebe. Frühere Erinnerungen, Erfahrungen, Geschichten von anderen Leuten und eigene Überzeugungen sind nur ein paar wenige Beispiele. 

 

Lorimer Moseley (Schmerzforscher aus Australien) und sein Team haben ein Tool für Patienten entwickelt um das noch besser zu veranschaulichen. Das sogenannte Protectometer:

 

 

SIMs und DIMs

SIMs = Safety in me (Was gibt mir Sicherheit?)

DIMs = Danger in me (Was empfinde ich als Bedrohung?)

 

Man kann die DIMs und SIMs in 7 Kategorien unterteilen:

 

1.    Dinge die Du hörst, siehst, riechst, berührst, schmeckst

2.    Dinge die Du tust

3.    Dinge die Du sagst

4.    Dinge an die Du denkst und Dinge an die Du glaubst

5.    Orte (Umgebung) wo Du Dich befindest oder wo Du hingehst

6.    Menschen die Du triffst oder die Dich umgeben

7.    Dinge die in Deinem Körper passieren

 

Mit dem Protectometer ist ganz gut veranschaulicht, was die Dinge aus diesen Kategorien für einen Einfluss haben können. Hat dein Körper mehr Hinweise für Gefahr, bewegt sich das Schmerzempfinden nach oben. Hat dein Körper mehr Hinweise für Sicherheit geht das Schmerzempfinden runter. Oft verstecken sich SIMs und DIMs an schwierig zu findenden „Orten“ und man muss erst gut reflektieren, um darauf zu stoßen. Ein Physiotherapeut, der mit der neuesten Schmerzwissenschaft vertraut ist, kann dir dabei helfen.

 

 

Take Home Message

 

  •      Schmerz ist immer mit mehreren Faktoren verbunden
  •      Es gibt keine Schmerzrezeptoren, sondern bestenfalls „Gefahrenrezeptoren“
  •      Versuche beinflussbare Faktoren zu finden die Einfluss auf dein Schmerzempfinden haben
  •      Ein Verständnis warum etwas weh tut, ist oft der erste Schritt zur Besserung und oft sogar ein SIM

 

Ich freue mich sehr über dein Feedback. Gerne kannst du deine Gedanken oder Fragen in die Kommentare schreiben. Gibt es ein verwandtes Thema, das dich brennend interessieren würde?

Sportliche Grüße Sam Rombach

 

 

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